Autismus-Label: Zwischen Diagnose, Behinderung, wahrem Sein und spiritueller Vermeidung.
Ich dachte immer, ich wäre anders, weil ich Autistin bin.
Und so viele fühlen sich anders, missverstanden, falsch in der Welt, alleine und ohne Platz. Kenne ich...Ich war auch mal da. Früher habe ich es nur so wahrgenommen, nur so gedacht, so gelebt und das war nicht schön.
Doch dann habe ich angefangen mich wahrhaftig auszudrücken, aus der Annahme meines Seins heraus. Habe angefangen zu erzählen und bemerkt, dass sich fast immer ein gemeinsamer Nenner findet.
Dass eine Begegnung stattfinden kann.
Meine Erkenntnis: Wenn wir anfangen, wahrhaftig zu sein und Geschichten zu erzählen, dann finden wir
Verbindung,
Zugehörigkeit und
Resonanz.
Denn in diesem „anders sein“ sind wir ganz viele.
Und in einzelnen Erzählungen findet die Verbindung zu Menschen statt.
In echten Einblicken und Erzählungen finden sich andere wieder – nicht nur Autisten bei Autisten, sondern Menschen in menschlichen Erfahrungen.
Aber das alleine reicht nicht…
Wahres Sein und autistisches System ist kein Widerspruch
Unser wahres Sein leben wir nicht, wenn wir Teile von uns abschneiden oder ignorieren. Das wäre spirituelle Vermeidung.
Dazu gehört auch, das eigene autistische oder neurodivergente System anzuerkennen und zu respektieren – nicht als Identität, Rechtfertigung oder mehr Einschränkung als notwendig, sondern als Verständnis und Annahme für Körper, Seele, Geist und die individuellen Bedürfnisse, Herausforderungen und Probleme.
Autismus ist keine Identität oder nur ein Label.
Mein wahres Sein, meine Seele, meine Essenz fließt einfach durch ein autistisches System. Mit realen Einschränkungen, Hindernissen, Herausforderungen und Konsequenzen. Das kann ich nicht einfach wegmeditieren.
Dazu gehört auch, der eigenen Wahrnehmung zu trauen und sich selbst zu behaupten, wenn andere das Autismus-Label als unwichtig abtun. Das musste ich lernen – weil genau das gerne in der spirituellen Bubble passiert: Sobald es um reale autistische Herausforderungen geht, wird das vom Gegenüber ignoriert.
Erkennen braucht Ähnlichkeiten. Aber wahre Verbindung und ein wirklich hilfreiches Miteinander entstehen erst, wenn auch die Unterschiede einen sicheren Raum finden, ernst genommen und benannt werden können.
An dieser Stelle taucht oft das „doppelte Empathie-Problem“ auf. Es besagt, dass es Schwierigkeiten bei Kommunikation und Empathie zwischen autistischen und nicht-autistischen Menschen gibt. Und das ist ein gegenseitiges Problem. Beide Gruppen tun sich schwer, sich in die jeweils andere Wahrnehmung, Kommunikation und Sichtweise einzufühlen.
Nicht-autistische Menschen sagen dann zum Beispiel so etwas wie: “Autismus-Label ist egal. Es ist nur eine andere Form des Seins.” AutistInnen fühlen sich wieder einmal nicht gesehen, verstanden und ernst genommen.
Aber: Auch in der neurodivergenten Community wird Autismus oftmals nur als anderes Sein dargstellt. Als Superkraft oder vermischt mit Hochsensibilität oder ADHS…
Warum Diagnosen und Labels noch wichtig sind
Ich spreche viel darüber, dass wir hinter Rollenbilder, Labels und Diagnosen sehen müssen und dass wir alle mehr sind als das, was auf dem Papier steht oder uns als Menschen generell gesagt wurde. Das stimmt. Aber es bedeutet nicht, dass Diagnosen deshalb irrelevant sind und ignoriert werden können.
Diagnosen sind relevant, um wirklich zu sehen und verstehen, ob Autismus vorliegt oder ob es sich um etwas anderes handelt. Eine Diagnose dient nicht dazu, mit einem Label rumzulaufen, sondern um aus ernsthaften Schwierigkeiten im Leben einen Weg hinaus zu finden bzw. das Leben besser gestalten zu können. Um oftmals überhaupt eine Chance auf die Unterstützung zu bekommen, die dann notwendig ist. Es ist wichtig für menschliches Verstehen und hat Auswirkungen auf das individuelle Leben sowie auf verschiedene geselleschaftliche Systeme.
Für mich ist Autismus auch keine Superkraft. Es hat nämlich sehr reale Auswirkungen und Konsequenzen in meinem Leben und auch auf meine mentale Gesundheit. Natürlich sieht das niemand in einem 60 Minuten Zoom-Call oder in den Texten, die ich schreibe. Dort bin ich in meiner Energie, meiner Wahrheit und in meinem Element. Aber so funktioniert das nicht immer in jeder Situation und zeigt nicht das ganze Bild von Autismus in meinem Leben. Ich bin auch nicht stolz darauf, denn habe nichts dafür getan. “Dank” meines Autismus gelte ich als schwerbehindert und das tue ich nicht, weil ich nur ein wenig anders bin. Aber es ändert nichts an meinem Sein, meiner Seele und dem, was ich hier in der Welt ausdrücken und bewirken möchte.
Labels oder Diagnosen sind daher weder schlecht oder schlimm noch die Wahrheit von allem, aber sie deuten auf etwas Wichtiges hin. Und sie sind oft das Tor zu Erkenntnis, Erinnerung, Selbstwirksamkeit und zu der Unterstützung, die uns wirklich dient. Beruflich, zwischenmenschlich, mental, körperlich, spirituell.
Ein Vergleich, der das deutlich macht:
Über Jahrzehnte wurden in Studien, Forschung und Behandlungen fast ausschließlich Männer betrachtet, bis man merkte, dass sich vieles bei Frauen anders zeigt. Andere Symptome bei Herzinfarkten, andere Wirkungen von Medikamenten, andere Krankheitsverläufe.
Ich habe das selbst erlebt. Als 15-jährige Stabhochspringerin hatte ich eine Verletzung. Nach etwa zwei Monaten nannte mir ein Arzt eine Diagnose mit dem Zusatz: „Das kann aber nicht sein, das gibt es nur bei Männern.“ Zweieinhalb Jahre Leidensgeschichte später stellte sich heraus: Doch, das gibt es auch bei Frauen. Bei mir.
Oder Autismus wurde lange fast ausschließlich Jungen zugeordnet. Mädchen sind durchs Raster gefallen, weil sich Autismus bei ihnen häufig anders zeigt.
Genauso wie es Unterschiede zwischen den Geschlechtern gibt, gibt es Unterschiede zwischen Neurotypen und das ist relevant, wenn wir nicht nur zwischenmenschliches, sondern auch Systeme, Forschung und Versorgung gestalten wollen, in der alle mitgedacht werden.
Und auch bei Bewusstwerdung, Heilung, Persönlichkeitsentwicklung etc. geht es darum, dass wir ein erfülltes Leben im Einklang mit unserem Wesen führen können. Dazu gehört auch der Teil, durch wir hier leben und erfahren: Unser Körper. Wir alle sind so viel mehr als unsere Körper. Doch wir leben durch ihn, er ist heilig und gehört genauso dazu wie Seele und Geist. Autisten leben in einem Körper mit einem anders funktionierendem Nervensystem und Gehirn. Selbst das Mikrobiom hat eine andere Zusammensetzung. Das Wissen darüber ist relevant.
Ich hätte nie die Unterstützung bekommen, die ich damals brauchte, wenn ich nicht gewusst hätte, dass ich Autistin bin und autistische Burnouts erlebe statt nur Depressionen oder ein normales Burnout. Das ist ein Unterschied. Ich hätte auch nie die richtige Therapeutin gefunden und eine wirkliche hilfreiche Verhaltenstherapie machen können, wenn wir beide kein Verständnis von Autismus gehabt hätten.
Es ist nicht hilfreich, wenn AutistInnen ständig Barrieren in den Weg gelegt werden und es dann abgetan wird mit: “Wir sind alle irgendwie unterschiedlich und anders.”
Ja, wir sind alle unterschiedlich und gleichzeitig können wir uns begegnen und verbinden. Wenn ich aber diese Unterschiede nicht erfassen kann, nicht sehen will oder auch die Anstrengungen dafür bei AutistInnen nicht sehen möchte, kann all dem nicht gerecht werden. Und wer leidet darunter? Diejenigen, die in der Minderheit sind. Bei den sogenannten “hoch-funktionalen” AutistInnen fällt all das weniger auf, wie im Fall von nonverbalen AutistInnen, denen die nicht “funktionieren” im online sichtbar sind sowie diejenigen, die eine Intelligenzminderung haben oder offensichtlich auch nicht alleine leben können.
Persönlich ist mir das mittlerweile relativ egal, ob jemand bereit ist mich damit zu sehen. Wenn mir jemand klar macht, dass mein Autismus keine Rolle spielt, im Sinne von: “Ich sehe dich nicht und nehme dich damit nicht ernst.” dann bin ich auch raus mit dem Verbinden. Ich verbinde mich lieber mehr mit denen, denen es auf der einen Seite egal ist und die mich als den Menschen sehen, der ich bin und mich annehmen, aber gleichzeitig mit meinem autistischen System ernst nehmen, wenn es für mich relevant wird. Das ist sehr selten, aber umso wertvoller.
Aber: Gesellschaftlich und für unsere Systeme ist es mir nicht egal. Für Kinder, Jugendliche und autistische (auch nonverbale autistische) Menschen, die Unterstützung brauchen oder sich aus so vielen Gründen nicht trauen zu zeigen. Für die alle ist es mir nicht egal. Es ist mir nicht egal, für die Welt, die ich in Zukunft sehen will.
Soziale Gerechtigkeit entsteht durchs hinsehen, nicht durch Ignoranz oder einfach zu sagen: “Wir sind doch alle unterschiedlich und anders.”
Diagnosen, Forschung und Verständnis sind wichtig und nicht egal für das Bildungssystem, für das Gesundheitssystem und auch für Unterstützung im Bereich mentale Gesundheit, Nervensystem, etc. Denn Autismus hat nicht nur Einfluss auf die Wahrnehmung, Reizverarbeitung oder Kommunikation. Es ist ein anders funktionierendes Gehirn, Nervensystem und hat somit Einfluss darauf, ob eine Methode oder Therapie wirkt oder nicht. Ob Unterstützung wirklich unterstützt oder sich nur auf Bewährtes stützt, was bei nicht-autistischen Menschen hilft und bei Autisten mehr schadet. Denn genau das ist es, was passiert, wenn das autistische System nicht ernstgenommen wird.
Man muss sich nur mal ansehen, wie hoch die Raten für Abhängigkeiten, psychische Erkrankungen, Suizid oder Arbeitslosigkeit bei Autismus sind. Das ist mehr als nur ein anderes Sein und Verständnis darüber ist notwendig. (Zahlen und Statistiken dazu >>)
Spirituelle Vermeidung: Wenn „Seele“ zur Ausrede wird
Besonders in der spirituellen Bubble wird viel über Seele, Wahrhaftigkeit und ein neues, bewussteres Miteinander gesprochen. Das ist schön und ich bin ja voll dabei. Aber wenn Menschen dabei nicht in ihrer Gesamtheit und in ihrer Lebensrealität gesehen werden, entsteht eine „neue Welt“, die zum Beispiel Autismus wieder nicht mitdenkt. Das ist spirituelle Vermeidung.
Sie geht dann gegen menschliche Vielfalt – Autismus, Neurodivergenz, unsichtbare Behinderungen – und ignoriert systematische Diskriminierung und (unsichtbare) Barrieren. Wenn wir das als nicht relevant empfinden, tragen wir weiter zu einer Welt bei, die Vielfalt und Verbindung nur als Konzept denkt, aber nicht integriert, lebt und verkörpert.
Spirituelle Vermeidung kann aber auch von AutistInnen selbst kommen:
Wenn spirituelle Überzeugungen oder Praktiken genutzt werden, um die tatsächlichen körperlichen, emotionalen und mental-psychologischen Realitäten des Autismus zu vermeiden, zu unterdrücken oder falsch zu interpretieren. Auch das ist ein Ausweichen.
Zum menschlichen Erleben gehören auch Körper, Gehirn und Nervensystem – nicht nur Seele, Bewusstsein und Energie. Man kann Autismus nicht wegmeditieren. Man kann ein autistisches Nervensystem nicht durch mehr Spiritualität in ein neurotypisches verwandeln oder einfach ignorieren.
Ich erlebe das immer wieder, gerade bei spirituellen Menschen oder solchen, die tief in der Persönlichkeitsentwicklung stecken: Den Impuls, bei der Diagnose die Grenze zu ziehen. „Das ist doch nur ein Label, du bist doch viel mehr.“ Ja, klar bin ich das. Genau darauf liegt auch mein Fokus und darüber drücke ich mich aus. Und trotzdem fließt mein wahrhaftiges Sein, meine Seele, durch ein autistisches System. Mir wird niemand wirklich begegnen oder helfen können, der das nicht anerkennt.
Es geht auch um Strukturen und Systeme, nicht nur um Seele und das individuelle Sein:
Es geht um strukturelle Behinderung, Einschränkung, Barrieren, Vorurteile, Missverständnisse und falsche Behandlungsansätze. Und das beginnt schon im Kindesalter, wenn wir Kindern beibringen, sich anzupassen, bevor sie überhaupt ein Verständnis für sich selbst entwickeln können. Und je weiter ein Kind von der Norm entfernt ist (wie bei AutistInnen), desto schlimmer wird das.
Eine Freundin von mir ist Lehrerin und führt gerade ein neues Unterrichtskonzept ein, das SchülerInnen besser unter anderem in ihrem eigenen Tempo fördert. Sie fragte mich zum Thema Autismus – gerade weil sie ein Umfeld schaffen möchte, das alle bestmöglich mitnimmt. Das kann sie aber nur, weil sie offen für die jeweiligen Besonderheiten ist, nicht weil sie sagt: „Labels sind egal, wir sind alle anders und es ist doch nur eine andere Form des Seins.“
Erst das konkrete Hinsehen auf Unterschiede ermöglicht es, ein Umfeld zu gestalten, in dem tatsächlich alle in ihrer Individualität mitgedacht, sein können und unterstützt werden.
Systeme, die sich der neurodivergenten Vielfalt von Menschen bewusst sind und ihr gerecht werden können, machen genau diesen Unterschied. Und dafür brauchen wir Sichtbarkeit und Verständnis – auf menschlicher, nicht nur auf spiritueller Ebene. Verständnis ist die Voraussetzung für passende Unterstützung. Und jemand, der das abtut mit “ist nur ein anderes Sein”, hat kein Verständnis und kann nicht helfen, egal, wie sehr sie / er das vielleicht sogar möchte.
Warum Selbstwahrnehmung allein oft nicht reicht
Letztens sagte eine Frau: „Selbstwahrnehmung reicht aus. Es braucht keine Labels oder Diagnosen für Neurodivergenz.“
Für einen selbstbestimmten Erwachsenen mit Kapazität für eine bewusste Lebensgestaltung stimmt das oft. Mir selbst reicht das inzwischen auch ganz gut aus. Ich spreche überwiegend deswegen über Autismus, weil ich es zum Teil meines Business mache, weil es Teil meiner Geschichte ist und ich andere AutistInnen auf diese Weise auch für ihren eigenen, wahrhaftigen Ausdruck ermutigen und bei Kommunikation unterstützen möchte. Und gleichzeitig auch autismusfreundlich unterstützen möchte. Was eben noch lange nicht selbstverständlich ist.
Aber Kinder können das nicht. Und auch nicht diejenigen, die gerade wirklich Unterstützung und kaum eigene Kapazitäten haben. Die von einem autistischen Burnout ins nächste rennen und kein Verständnis für ihre Situation bekommen. Manchmal brauchen wir andere Menschen in schwierigen Phasen und dafür ist wieder ein Verständnis für Autismus beim Gegenüber nötig.
Ein Vergleich: Früher durften Frauen nicht arbeiten, kein eigenes Konto eröffnen, kein Auto kaufen – völlig unabhängig davon, wie ausgeprägt ihre Selbstwahrnehmung oder innere Klarheit war. Es war ein systemisches Problem, kein persönliches.
Selbstwahrnehmung ist notwendig, aber sie reicht nicht, wenn die Umwelt einem Menschen konsequent verweigert, was er braucht und diesen Menschen nicht ernst nimmt oder sieht. Entfaltung ist nicht nur ein individueller Prozess, sondern ein Zusammenspiel mit einer Umgebung, die entweder Raum gibt und hinsieht oder sich verschließt. Selbsterkenntnis kann eine Tür öffnen, aber sie alleine räumt keine strukturellen Barrieren aus dem Weg. Erst wenn inneres Verständnis und äußere Systeme zusammenkommen, entsteht echter Raum für Integration, Inklusion und zum individuellen Aufblühen.
Praktische und reale Konsequenzen: Bildung, Coaching, Therapie
Das betrifft alle, die anderen Menschen beruflich helfen wollen: Coaches, BildungsexpertInnen & LehrerInnen, TherapeutInnen, HeilerInnen, BeraterInnen und AnbieterInnen von Dienstleistungen jeglicher Art. Wer Autismus dabei nicht als relevant ansieht, wird autistischen Menschen meist nicht wirklich helfen können.
Viele gängige Coaching-Ansätze setzen implizit ein neurotypisches Nervensystem voraus und halten sich an all die bekannten, gängigen Methoden und Ansätze, die man überall sieht. Und das funktioniert für AutistInnen meist gar nicht. Unreflektiert angewendet, entstehen eher Druck, Scham und Selbstzweifel als Support und Entwicklung. Wer wirklich helfen will, muss den Neurotyp seines Gegenübers mitdenken, wenn es relevant ist. So wie man in der Medizin heute das Geschlecht mitdenken sollte, ist es auch bei Autismus relevant oder man sollte ehrlich sagen, dass man das nicht kann und möchte.
Nicht jeder muss sich mit Autismus auskennen. Das ist völlig okay, wenn das jemand nicht möchte und sagt, dass das nicht sein / ihr Bereich ist. Was nicht okay ist, ist es, Hilfe anzubieten und gleichzeitig zu sagen, das Autismus-Label habe keine Relevanz. Genau dort versagt schon der erste Schritt jeder Hilfe: Menschen ernst nehmen und ihnen das Gefühl geben, gesehen und verstanden zu werden.
Selbst mit der besten Selbstwahrnehmung stoßen autistische Menschen an eine Grenze, die nichts mit ihnen selbst zu tun hat: Wenn ÄrztInnen, LehrerInnen, TherapeutInnen oder ArbeitgeberInnen kein Bewusstsein für Autismus mitbringen, kann es nicht das Umfeld und die Unterstützung geben, die gut und richtig wäre.
Fazit und Vision
Es geht nicht darum, sich hinter einer Diagnose zu verstecken, sich über sie zu rechtfertigen oder darin eine Identität zu finden oder andere Menschen durch das Label und die Diagnose zu sehen.
Es geht am Ende immer um unser wahres, erfülltes Sein, aber es geht gleichzeitig auch um Verständnis für sich selbst, für andere Menschen und für unsere aktuelle Umwelt mit ihren Systemen und Barrieren. Nur so entsteht eine Welt, in der Menschen in ihrem wahren Sein tatsächlich gesehen, angenommen und unterstützt werden. Nicht durch bekannte Methoden, die auf dem Papier gut aussehen, sondern durch das, was an dem Nervensystem, der Wahrnehmung, der Situation und gelebten Realität und Erfahrung des Menschen ansetzt, der wirklich vor einem ist.
Ich stelle mir eine Welt vor, ohne diese starke Einteilung in Labels – in der Menschen sich nicht über eine Diagnose erklären müssen, um gesehen zu werden oder passende Unterstützung zu erhalten. Vielleicht, wenn irgendwann das Bewusstsein und Verständnis da sind und Barrieren erfasst, erkannt und reduziert werden, brauchen wir vielleicht auch keine Autismus-Diagnosen mehr.
Ich denke mit der passenden Unterstützung, Anerkennung den richtigen Räumen von Kindheit an können Menschen ganz anders sich entwickeln und entfalten, wenn wir auch die indidivuelle innere Führung annehmen können. Aber um dorthin zu kommen, müssen wir heute die Grundlage dafür legen und hinsehen. Das schaffen wir nicht mit Vermeidung, sondern mit Bewusstsein und Sichtbarkeit – statt sie unter dem Deckmantel von „wir sind doch alle anders“ oder “es ist doch nur eine andere Form des Seins” zu verwischen.
Wahres Sein und ein autistisches System schließen sich nicht aus. Sie wirken zusammen – müssen nur wieder zusammenfinden. Das wahre Sein fließt durch das autistische System und das passiert nicht nur isoliert, durch Selbstwahrnehmung und innere Arbeit, sondern auch durch Menschen im Umfeld und durch Systeme, die Raum bieten und in ihrer Ganzheit sehen, annehmen und wirklich unterstützen.
Alles Liebe
Andrea
Zahlen und Statistiken: Studie zum Beispiel: People like me don’t get support » Arbeitslosenquote liegt bei ca. 90 Prozent Arbeitslosigkeit. Es gibt wenig Chancen auf dem ersten Arbeitsmarkt, was überwiegend an Barrieren als an der Qualifikation liegt. Die Zahl stammt von verschiedenen ExpertInnen und Initiativen. (Mehr dazu zum Beispiel hier >>)Suizidrate unter AutistInnen: 7,5 mal höher als in der Normalbevölkerung (Mehr dazu zum Beispiel hier >>)70 % aller AutistInnen haben psychische Probleme, ohne entsprechende Unterstützung zu bekommen (Siehe zum Beispiel hier »)Substanzgebrauch und -abhängigkeiten sind uneindeutig, aber vieles weist auf höheren Verbrauch hin (Siehe zum Beispiel hier >>)