Autismus-Label: Zwischen Diagnose, Behinderung, wahrem Sein und spiritueller Vermeidung.

 
Symbolbild neurodivergentes, buntes Autismus-Sein
 

Ich dachte immer, ich wäre anders, weil ich Autistin bin.

Und so viele fühlen sich anders, missverstanden, falsch in der Welt, alleine und ohne Platz. Kenne ich...Ich war auch mal da. Früher habe ich es nur so wahrgenommen, nur so gedacht, so gelebt und das war nicht schön.

Doch dann habe ich angefangen mich wahrhaftig auszudrücken, aus der Annahme meines Seins heraus. Habe angefangen zu erzählen und bemerkt, dass sich fast immer ein gemeinsamer Nenner findet.

Dass eine Begegnung stattfinden kann. Meine Erkenntnis: Wenn wir anfangen, wahrhaftig zu sein und Geschichten zu erzählen, dann finden wir

  • Verbindung,

  • Zugehörigkeit und

  • Resonanz.

Denn in diesem „anders sein“ sind wir ganz viele. Und in einzelnen Erzählungen findet die Verbindung zu Menschen statt. In echten Einblicken und Erzählungen finden sich andere wieder – nicht nur Autisten bei Autisten, sondern Menschen in menschlichen Erfahrungen.

Aber das alleine reicht nicht immer…

 

Auf einen Blick:

  • Wahres Sein und Autismus sind kein Widerspruch: Die Seele fließt durch ein autistisches System. Es ist eine andere Form des Seins, mit sehr realen Konsequenzen im Leben, die man nicht wegmeditieren kann, sondern die Bewusstsein und Verantwortung brauchen.

  • Diagnosen bleiben wichtig: Sie sind kein Label für Identität, Rechtfertigung oder ähnliches, sondern oft die Voraussetzung für passende Unterstützung aus ersthaften Schwierigkeiten im Leben, für echtes Verständnis und wirksame Therapien oder Support.

  • Neurotyp ist medizinisch relevant: In der Medizin wurden lange nur Männer erforscht und betrachtet. Heute wissen wir, dass sich vieles bei Frauen anders zeigt und so ist es auch bei Neurotypen und vor allem im Bereich mentale Gesundheit. Unterschiede zu verstehen ist entscheidend für echte Versorgung.

  • Spirituelle Vermeidung: Sätze wie „Das ist doch nur ein Label, du bist viel mehr“ blenden reale körperliche, mentale und strukturelle Realitäten aus und verhindern echtes Gesehenwerden und den Wandel, den viele so gerne als Konzept denken.

  • Selbstwahrnehmung reicht oft nicht: Besonders Kinder, Menschen in autistischen Burnouts und ohne Kapazitäten brauchen ein Umfeld, das mitdenkt und unterstützt. Heilung und Entfaltung sind nicht immer nur rein individuell möglich.

  • Konsequenzen für Coaching, Bildung & Therapie: Wer als Coach, TherapeutIn, LehrerIn etc. Autismus nicht mitdenkt, kann trotz guter Methoden bei AutistInnen eher Druck, Scham und Zweifel als echte Unterstützung erzeugen.

  • Vision: Eine Welt, in der Menschen unabhängig von Labels gesehen, angenommen und unterstützt werden. Das braucht aber heute das Verständnis. Erreichbar ist das nur durch Bewusstsein und Sichtbarkeit, nicht durch Vermeidung.

 

Wahres Sein und autistisches System sind kein Widerspruch

Unser wahres Sein leben wir nicht, wenn wir Teile von uns abschneiden oder ignorieren.

Dazu gehört auch, das eigene autistische oder neurodivergente System anzuerkennen und zu respektieren – nicht als Identität, Rechtfertigung oder mehr Einschränkung als es sowieso sein kann, sondern als Verständnis und Annahme für Körper, Seele, Geist und die individuellen Bedürfnisse, Herausforderungen und Probleme.

Autismus ist keine Identität oder nur ein Label.

Mein wahres Sein, meine Seele, meine Essenz fließt einfach durch ein autistisches System. Mit realen Einschränkungen, Hindernissen, Herausforderungen und Konsequenzen. Das kann ich nicht einfach wegmeditieren.

Dazu gehört auch, der eigenen Wahrnehmung zu trauen und sich selbst zu behaupten, wenn andere das Autismus-Label als unwichtig abtun. Das musste ich lernen, weil genau das gerne in der spirituellen Bubble passiert: Sobald es um reale autistische Herausforderungen geht, wird das vom Gegenüber relativiert oder ignoriert.

Erkennen braucht Ähnlichkeiten. Aber wahre Verbindung und ein wirklich hilfreiches Miteinander entstehen erst, wenn auch die Unterschiede einen sicheren Raum finden, ernst genommen und benannt werden können.

An dieser Stelle taucht oft das „doppelte Empathie-Problem“ auf. Es besagt, dass es Schwierigkeiten bei Kommunikation und Empathie zwischen autistischen und nicht-autistischen Menschen gibt. Und das ist ein gegenseitiges Problem. Beide Gruppen tun sich schwer, sich in die jeweils andere Wahrnehmung, Kommunikation und Sichtweise einzufühlen.

Nicht-autistische Menschen sagen dann zum Beispiel so etwas wie: “Mir ist es manchmal auch zu laut. Das Autismus-Label ist doch egal. Es ist nur eine andere Form des Seins.” AutistInnen fühlen sich wieder einmal nicht gesehen, verstanden und ernst genommen.

Warum Diagnosen und Labels noch wichtig sind

Ich spreche viel darüber, dass wir hinter Rollenbilder, Labels und Diagnosen sehen müssen und dass wir alle mehr sind als das, was auf dem Papier steht oder uns als Menschen generell gesagt wurde. Das stimmt. Aber es bedeutet nicht, dass Diagnosen deshalb irrelevant sind und ignoriert werden können.

Diagnosen sind relevant, um wirklich zu sehen und zu verstehen, ob Autismus vorliegt oder ob es sich um etwas anderes handelt. Eine Diagnose dient nicht dazu, mit einem Label rumzulaufen, sondern

  • um aus ernsthaften Schwierigkeiten im Leben einen Weg hinaus zu finden und das Leben besser gestalten zu können.

  • oftmals überhaupt eine Chance auf echte Selbsterkenntnis und auch die Unterstützung zu bekommen, die wirklich weiterführt.

  • wichtig für menschliches Verstehen und das Verstehen von Auswirkungen auf das individuelle Leben sowie auf verschiedene gesellschaftliche Systeme.

Für mich ist Autismus auch keine Superkraft. Es hat nämlich sehr reale Auswirkungen und Konsequenzen in meinem Leben und auch Einfluss auf meine mentale Gesundheit. Natürlich sieht das niemand in einem 60 Minuten Zoom-Call oder in den Texten, die ich schreibe. Dort bin ich in meiner Energie, meiner Wahrheit und in meinem Element. Aber so funktioniert das nicht immer in jeder Situation und zeigt nicht das ganze Bild von Autismus in meinem Leben. Ich bin auch nicht stolz darauf, denn habe nichts dafür getan. “Dank” meines Autismus gelte ich als schwerbehindert und das tue ich nicht, weil ich nur ein wenig anders bin. Aber es ändert nichts an meinem Sein, meiner Seele und dem, was ich hier in der Welt ausdrücken und bewirken möchte.

Niemand sollte erst eine Diagnose brauchen, um passende Unterstützung zu bekommen oder ernst genommen zu werden. Aber die Realität ist aktuell einfach noch eine ganz andere.

 

Ich denke, dass beides wahr ist.

Meine tiefe Wahrheit dahinter: Es ist eine andere Form des Seins und des menschlichen Erlebens.

Aber mit sehr realen Auswirkungen im Leben und der Welt, die wir aktuell haben.

Daher: Diagnosen sind medizinisch und für Verständnis sowie Support, Bewusstsein und Wandel relevant.

 

Labels oder Diagnosen sind daher weder schlecht oder schlimm noch die Wahrheit von allem, aber sie deuten auf etwas Wichtiges hin. Und sie sind oft das Tor zu Erkenntnis, Erinnerung, Selbstwirksamkeit und zu der Unterstützung, die uns wirklich dient. Beruflich, zwischenmenschlich, mental, körperlich, spirituell.

Ein Vergleich zu mehr Verständnis:
Über Jahrzehnte wurden in Studien, Forschung und Behandlungen fast ausschließlich Männer betrachtet, bis man merkte, dass sich vieles bei Frauen anders zeigt. Andere Symptome bei Herzinfarkten, andere Wirkungen von Medikamenten, andere Krankheitsverläufe.

Ich habe das selbst erlebt. Als 15-jährige Stabhochspringerin hatte ich eine Verletzung. Nach etwa zwei Monaten nannte mir ein Arzt eine Diagnose mit dem Zusatz: „Das kann aber nicht sein, das gibt es nur bei Männern.“ Zweieinhalb Jahre Leidensgeschichte später stellte sich heraus: Doch, das gibt es auch bei Frauen. Bei mir.

Auch bei Autismus wurde lange fast ausschließlich Jungen zugeordnet. Mädchen sind durchs Raster gefallen, weil sich Autismus bei ihnen häufig anders zeigt.

Genauso wie es Unterschiede zwischen den Geschlechtern in der Medizin gibt, gibt es Unterschiede zwischen Neurotypen und das ist relevant, wenn wir nicht nur zwischenmenschliches, sondern auch Systeme, Forschung und Versorgung gestalten wollen, in der alle mitgedacht werden.

Selbst bei Bewusstwerdung, Heilung, Persönlichkeitsentwicklung etc. geht es auch darum, dass wir ein erfülltes Leben im Einklang mit unserem Wesen führen können. Dazu gehört auch der Teil, durch den wir hier das Leben erfahren: Unser Körper. Wir alle sind so viel mehr als unsere Körper. Doch wir leben durch ihn, er ist heilig und gehört genauso dazu wie Seele und Geist. Autisten leben in einem Körper mit einem anders funktionierendem Nervensystem und Gehirn. Selbst das Mikrobiom hat eine andere Zusammensetzung. Das Wissen darüber ist relevant.

Ich hätte nie die Unterstützung bekommen, die ich damals brauchte, wenn ich nicht gewusst hätte, dass ich Autistin bin und autistische Burnouts erlebe statt nur Depressionen oder ein normales Burnout. Das ist ein Unterschied. Ich hätte auch nie die richtige Therapeutin gefunden und eine wirklich hilfreiche Verhaltenstherapie machen können, wenn wir beide kein Verständnis von Autismus gehabt hätten.

Es ist nicht hilfreich, wenn AutistInnen ständig Barrieren in den Weg gelegt werden und es dann abgetan wird mit: “Wir sind alle irgendwie unterschiedlich und anders.”

Ja, wir sind alle unterschiedlich und gleichzeitig können wir uns begegnen und verbinden. Wenn ich aber diese Unterschiede nicht erfassen kann, nicht sehen will oder auch die Anstrengungen dafür bei AutistInnen nicht sehen möchte, kann all dem nicht gerecht werden. Und wer leidet darunter? Weiterhin diejenigen, die in der Minderheit sind.

Bei den sogenannten “hoch-funktionalen” AutistInnen fällt all das weniger auf, wie im Fall von nonverbalen AutistInnen, denen die nicht “funktionieren”, nicht in der Online-Welt sichtbar sind sowie diejenigen, die eine Intelligenzminderung haben oder offensichtlich auch nicht alleine leben können.

Das ist auch eine andere Form des autistischen Seins und Lebens. Auch sie bringen Licht in diese Welt, aber es hat für trotzdem reale Konsequenzen.

Ein Mensch im Rollstuhl erlebt sein Leben auch auf andere Weise, aber niemand würde sagen, es ist egal, wenn wieder einmal eine Treppe im Weg ist. Niemand würde sagen, dass ihm Treppen steigen manchmal auch schwerfällt, wenn man schon Muskelkater hat und dass es nur eine andere Form des Seins ist... Bei Autismus sind diese Barrieren aber eben unsichtbar, noch einmal besonders für die sogenannten “hochfunktionalen” AutistInnen.

 

Persönlich ist mir das mittlerweile relativ egal, ob jemand bereit ist mich damit zu sehen. Wenn mir jemand klar macht, dass mein Autismus keine Rolle spielt, im Sinne von: “Ich sehe dich nicht und nehme dich damit nicht ernst.” dann weiß ich, wo meine Grenze bei diesem Menschen ist. Ich verbinde mich dann lieber mehr mit den Menschen, denen es auf der einen Seite egal ist und die mich als den Menschen sehen, der ich bin und mich annehmen, aber gleichzeitig mit meinem autistischen System ernst nehmen, wenn es für mich relevant wird. Das ist selten, aber umso wertvoller.

Aber: Gesellschaftlich und für unsere Systeme ist es mir nicht egal. Für Kinder, Jugendliche und autistische (auch nonverbale autistische) Menschen, die Unterstützung brauchen oder sich aus so vielen Gründen nicht trauen zu zeigen. Für die alle ist es mir nicht egal. Es ist mir nicht egal, für die Welt, die ich in Zukunft sehen will.

Soziale Gerechtigkeit entsteht durchs hinsehen, nicht durch Ignoranz oder einfach zu sagen: “Wir sind doch alle unterschiedlich und anders.”

Diagnosen, Forschung und Verständnis sind wichtig und nicht egal für

  • das Bildungssystem,

  • das Gesundheitssystem
    und auch nicht für Unterstützung im Bereich

  • der mentalen Gesundheit,

  • des Nervensystems,

  • Ernährung etc.

Denn Autismus hat nicht nur Einfluss auf die Wahrnehmung oder Kommunikation. Es ist ein anders funktionierendes Gehirn, Nervensystem und hat somit Einfluss darauf, ob eine Methode oder Therapie wirkt oder nicht.

Ob Unterstützung wirklich unterstützt oder sich nur auf Bewährtes stützt, was bei nicht-autistischen Menschen hilft und bei Autisten mehr schaden kann. Denn genau das ist es, was passiert, wenn das autistische System nicht ernstgenommen wird.

Man kann sich auch einfach mal ansehen, wie hoch die Raten für psychische Erkrankungen, Suizid, Arbeitslosigkeit oder Abhängigkeiten bei Autismus sind... (Zahlen und Statistiken dazu >>)

Spirituelle Vermeidung

Besonders in der spirituellen Bubble wird viel über Seele, Wahrhaftigkeit, ein höheres Bewusstsein, die neue Zeit und ein neues, bewussteres Miteinander gesprochen. Das ist schön und ich bin ja voll dabei. Aber wenn Menschen dabei nicht in ihrer Gesamtheit und in ihrer Lebensrealität gesehen werden, entsteht eine „neue Welt“ ohne (Selbst-)Verantwortung und die zum Beispiel Autismus wieder nicht mitdenkt. Das ist spirituelle Vermeidung.

Sie geht dann gegen menschliche Vielfalt – Autismus, Neurodivergenz, unsichtbare Behinderungen – und ignoriert systematische Diskriminierung und (unsichtbare) Barrieren. Wenn wir das als nicht relevant empfinden, tragen wir weiter zu einer Welt bei, die Vielfalt und Verbindung nur als Konzept denkt, aber nicht integriert, lebt und verkörpert.

Spirituelle Vermeidung kann aber auch von AutistInnen selbst kommen:
Wenn spirituelle Überzeugungen oder Praktiken genutzt werden, um die tatsächlichen körperlichen, emotionalen und mental-psychologischen Realitäten des Autismus zu vermeiden, zu unterdrücken oder falsch zu interpretieren.

 

Zum menschlichen Erleben gehören auch Körper, Gehirn und Nervensystem, Sprache – nicht nur Seele, Bewusstsein und Energie. Man kann ein autistisches Nervensystem nicht durch mehr Spiritualität einfach ignorieren.

Das braucht Bewusstsein, wenn es irgendwann wirklich nur noch als eine andere Form des Seins wahrgenommen und gelebt werden soll. Und auch hier müssen wir das ganze Spektrum sehen, nicht nur die “hochfunktionalen” AutistInnen.

 

Ich erlebe das immer wieder, gerade bei spirituellen Menschen oder solchen, die tief in der Persönlichkeitsentwicklung stecken: Den Impuls, bei der Diagnose die Grenze zu ziehen. „Das ist doch nur ein Label, du bist doch viel mehr.“ Ja, klar bin ich das. Genau darauf liegt auch mein Fokus und darüber drücke ich mich aus. Und trotzdem fließt mein wahrhaftiges Sein, meine Seele, durch ein autistisches System.

Es geht auch um Strukturen und Systeme, nicht nur um Seele und das individuelle Sein:
Es geht um strukturelle Behinderung, Einschränkung, Barrieren, Vorurteile, Missverständnisse und falsche Behandlungsansätze. Und das beginnt schon im Kindesalter, wenn wir Kindern beibringen, sich anzupassen, bevor sie überhaupt ein Verständnis für sich selbst entwickeln und im Einklang lernen und sich entfalten können. Und je weiter ein Kind von der Norm entfernt ist (wie bei AutistInnen), desto schlimmer wird das.

Eine Freundin von mir ist Lehrerin und führt ein neues Unterrichtskonzept ein, das SchülerInnen besser – unter anderem in ihrem eigenen Lerntempo – fördert. Sie fragte mich zum Thema Autismus – gerade weil sie ein Umfeld schaffen möchte, das alle bestmöglich mitnimmt. Das kann sie aber nur, weil sie offen für die jeweiligen Besonderheiten ist, nicht weil sie sagt: „Labels sind egal, wir sind alle anders und es ist doch nur eine andere Form des Seins.“

Erst das konkrete Hinsehen auf unterschiedliche Bedürfnisse ermöglicht es, ein Umfeld zu gestalten, in dem tatsächlich alle in ihrer Individualität mitgedacht, sein können und unterstützt werden. In Zukunft dann gerne auch ohne Labels…

 

Systeme, die sich der neurodivergenten Vielfalt von Menschen bewusst sind und ihr gerecht werden können, machen genau diesen Unterschied. Und dafür brauchen wir Sichtbarkeit und Verständnis – auf menschlicher, nicht nur auf spiritueller Ebene. Verständnis ist die Voraussetzung für passende Unterstützung. Und jemand, der das abtut mit “ist nur ein anderes Sein”, hat oft kein Verständnis und kann nicht helfen, egal, wie sehr sie / er das vielleicht sogar möchte.

Warum Selbstwahrnehmung allein oft nicht reicht

Letztens sagte eine Frau: „Selbstwahrnehmung reicht aus. Es braucht keine Labels oder Diagnosen für Neurodivergenz.“

Für einen selbstbestimmten Erwachsenen mit Kapazität für eine bewusste Lebensgestaltung stimmt das oft. Mir selbst reicht das inzwischen auch. Und ich wurde bereits mehrmals gefragt, warum ich überhaupt Autismus zu einem Thema mache… Die Frage macht mich wütend. Darf Autismus keine Sichtbarkeit, weil es unbequem ist? Weil es nervt? Autismus ist ein Teil meines Menschseins.

Aber hier mal eine Antwort:

Ich spreche überwiegend deswegen über Autismus, weil es Teil meiner Geschichte ist, Teil meines Business und ich andere AutistInnen auf diese Weise auch für ihren eigenen, wahrhaftigen Ausdruck ermutigen, bei Kommunikation unterstützen möchte und meine Perspektive teilen will. Und gleichzeitig möchte ich auch zeigen, dass es bei mir autismusfreundliche Unterstützung gibt, die eben noch lange nicht selbstverständlich ist.

Bei Kindern zum Beispiel reicht keine Selbstwahrnehmung, wenn sie nicht ernstgenommen wird und sie abhängig von anderen Menschen sowie im Schulsystem sind. Und auch bei diejenigen, die gerade wirklich Unterstützung und kaum eigene Kapazitäten haben, ist das nicht immer ausreichend. Die von einem autistischen Burnout ins nächste rennen und kein Verständnis oder Raum für ihre Situation bekommen. Manchmal brauchen wir andere Menschen in schwierigen Phasen und dafür ist wieder ein Verständnis für Autismus beim Gegenüber nötig.

Ein Vergleich: Früher durften Frauen nicht arbeiten, kein eigenes Konto eröffnen, kein Auto kaufen – völlig unabhängig davon, wie ausgeprägt ihre Selbstwahrnehmung oder innere Klarheit war. Es war ein systemisches Problem, kein persönliches.

Selbstwahrnehmung ist notwendig, aber sie reicht nicht, wenn die Umwelt einem Menschen konsequent verweigert, was er braucht und diesen Menschen nicht ernst nimmt oder sieht. Entfaltung ist nicht nur ein individueller Prozess, sondern ein Zusammenspiel mit einer Umgebung, die entweder Raum gibt und hinsieht oder sich verschließt.

Wir gestalten durch unser Sein, durch unseren wahrhaftigen Ausdruck. Aber wir sind nicht isoliert, sondern eingebunden in Gesellschaften und Systemem. Erst wenn inneres Verständnis und das eigene wahre Sein mit den äußeren Systemen zusammenkommt, entsteht der Raum für Integration, Inklusion und zum individuellen Aufblühen.

Selbsterkenntnis kann eine Tür öffnen, aber sie alleine räumt keine strukturellen Barrieren aus dem Weg.

Praktische und reale Konsequenzen: Bildung, Coaching, Therapie

Das betrifft alle, die anderen Menschen beruflich helfen wollen: Coaches, BildungsexpertInnen & LehrerInnen, TherapeutInnen, HeilerInnen, BeraterInnen und AnbieterInnen von Dienstleistungen jeglicher Art. Wer Autismus dabei nicht als relevant ansieht, wird autistischen Menschen meist nicht wirklich helfen können.

Viele gängige Coaching-Ansätze halten sich an all die bekannten, gängigen Methoden und Ansätze, die man überall sieht. Und das funktioniert für AutistInnen meist gar nicht. Unreflektiert angewendet, entstehen eher Druck, Scham und Selbstzweifel als Support und Entwicklung. Wer wirklich helfen will, muss den Neurotyp seines Gegenübers mitdenken, wenn es relevant ist. So wie man in der Medizin heute das Geschlecht mitdenken sollte, ist es auch bei Autismus relevant oder man sollte ehrlich sagen, dass man das nicht kann und möchte.

Nicht jeder muss sich mit Autismus auskennen. Das ist völlig okay, wenn das jemand nicht möchte und sagt, dass das nicht sein / ihr Bereich ist. Was nicht okay ist, ist es, Hilfe anzubieten und gleichzeitig zu sagen, das Autismus-Label habe keine Relevanz. Genau dort versagt schon der erste Schritt jeder Hilfe: Menschen ernst nehmen und ihnen das Gefühl geben, gesehen und verstanden zu werden.

Selbst mit der besten Selbstwahrnehmung stoßen autistische Menschen an eine Grenze, die nichts mit ihnen selbst zu tun hat: Wenn ÄrztInnen, LehrerInnen, TherapeutInnen oder ArbeitgeberInnen kein Bewusstsein für Autismus mitbringen, kann es nicht das Umfeld und die Unterstützung geben, die gut und richtig wäre. Als selbstbestimmte Erwachsene, die gerade gesund sind und Kapazitäten haben, können wir die Umgebung jederzeit einfach ändern. Kinder oder Jugendliche zum Beispiel können das nicht einfach so…

Fazit und Vision

Es geht nicht darum, sich hinter einer Diagnose zu verstecken, sich über sie zu rechtfertigen oder darin eine Identität zu finden oder andere Menschen durch das Label und die Diagnose zu sehen.

Es geht am Ende immer um unser wahres, erfülltes Sein, aber es geht gleichzeitig auch um Verständnis für sich selbst, für andere Menschen und für unsere aktuelle Umwelt mit ihren Systemen und Barrieren.

=> Nur so entsteht eine Welt, in der Menschen in ihrem wahren Sein tatsächlich gesehen, angenommen und unterstützt werden.

Nicht durch bekannte Methoden, die auf dem Papier gut aussehen, sondern durch das, was an dem Nervensystem, der Wahrnehmung, der Situation und gelebten Realität und Erfahrung des Menschen ansetzt, der wirklich vor einem ist.

Ich stelle mir eine Welt vor, ohne diese starke Einteilung in Labels – in der Menschen sich nicht über eine Diagnose erklären müssen, um gesehen zu werden oder passende Unterstützung zu erhalten. Wo wir Menschen sehen, wahrnehmen und einfach mal ernst nehmen, wenn sie sich mitteilen – auf welche Weise auch immer. Vielleicht, wenn irgendwann das Bewusstsein und Verständnis da sind und Barrieren erfasst, erkannt und reduziert werden, brauchen wir vielleicht auch keine Autismus-Diagnosen mehr. I don’t know…

Ich denke mit der passenden Unterstützung, Anerkennung den richtigen Räumen von Kindheit an können Menschen ganz anders sich entwickeln und entfalten, wenn wir auch die individuelle innere Führung annehmen können.

Aber um dorthin zu kommen, müssen wir heute die Grundlage dafür schaffen und hinsehen. Das schaffen wir nicht mit Vermeidung, sondern mit Bewusstsein und Sichtbarkeit – statt sie unter dem Deckmantel von „wir sind doch alle anders“ oder “es ist doch nur eine andere Form des Seins” zu verwischen.

Wahres Sein und ein autistisches System schließen sich nicht aus. Sie wirken zusammen – müssen nur wieder zusammenfinden. Das wahre Sein fließt durch das autistische System und das passiert nicht nur isoliert, durch Selbstwahrnehmung, Wahrhaftigkeit und innere Arbeit, sondern auch durch Menschen im Umfeld und durch Systeme, die Raum bieten und in ihrer Ganzheit sehen, annehmen und wirklich unterstützen.

Alles Liebe
Andrea


Zahlen und Statistiken: 
Studie zum Beispiel: People like me don’t get support » 
  • Arbeitslosenquote liegt bei ca. 90 Prozent Arbeitslosigkeit. Es gibt wenig Chancen auf dem ersten Arbeitsmarkt, was überwiegend an Barrieren als an der Qualifikation liegt. Die Zahl stammt von verschiedenen ExpertInnen und Initiativen. (Mehr dazu zum Beispiel hier >>)
  • Suizidrate unter AutistInnen: 7,5 mal höher als in der Normalbevölkerung (Mehr dazu zum Beispiel hier >>)
  • 70 % aller AutistInnen haben psychische Probleme, ohne entsprechende Unterstützung zu bekommen (Siehe zum Beispiel hier »)
  • Substanzgebrauch und -abhängigkeiten sind uneindeutig, aber vieles weist auf höheren Verbrauch hin (Siehe zum Beispiel hier >>) 
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Von Wunschkunden-Definitionen, engen, falschen Zielgruppen zur echten Resonanz

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